Franz Liszt (1811 - 1886)

Das Wunderkind aus Raiding

Schon bevor Franz Liszt das Licht der Welt erblickte, machte er auf sich aufmerksam. Eine Zigeunerin prophezeite seiner Mutter Maria Anna Liszt, dass sie 1811, im Jahr des „Großen Cometen“, einen außergewöhnlichen Sohn bekommen würde.
 
Franz Liszt (Liszt Ferencz od. Ferenc), wurde am 22. Oktober 1811 geboren. Er blieb der einzige Sohn von Adam Liszt, der als Schäfereirechnungsführer im Dienste des Fürsten Nikolaus II Esterházys stand. Am 23. Oktober, einen Tag nach seiner Geburt wurde Franz in der Pfarrkirche des benachbarten Unterfrauenhaid getauft, wo heute noch das originale Taufbecken zu sehen ist.
 
Raiding gehörte damals zum Königreich Ungarn, im Hause Liszt wurde jedoch Deutsch, das damals auch die Amtssprache war, gesprochen. Später entwickelte sich Liszt zu einem echten Weltbürger, der am liebsten auf Französisch korrespondierte. Erst spät in seinem Leben erlernte er auch Ungarisch. Die Musik der Zigeuner, die der junge Liszt in seinem Geburtsort Raiding hörte, wie auch die tiefe, kindliche Religiosität sind Einflüsse, die den Musiker ein Leben lang prägten.
 
Vater Adam Liszt und auch der Großvater, waren Musiker. Adam Liszt wirkte als Cellist im Orchester des Fürsten. So erhielt Franz Liszt schon mit sechs Jahren Musikunterricht von seinem Vater. 
 
Seine ersten öffentlichen Konzert als Neunjähriger in Ödenburg und in Pressburg wurden begeistert bejubelt und berechtigten zu den herrlichsten Erwartungen. (Städtische Preßburger Zeitung, 28. Nov. 1820). Von da an betrieb Adam Liszt die Ausbildung und Karriere seines Sohnes zielstrebig.
 

Von Raiding in die Welt

Adam Liszt setzte viel aufs Spiel. Er bat um unbezahlten Urlaub, verkaufte Vermögen und versuchte vergeblich, ein Stipendium für Liszts Ausbildung bei der Familie Esterházy zu erwirken. 1822 übersiedelte die Familie nach Wien, wo Franz bei Carl Czerny das Klavierspiel lernte und bei Antonio Salieri in Komposition und Harmonielehre unterrichtet wurde. Franz Liszt gab eine Reihe von Konzerten in Wien. Einer Legende zufolge soll Beethoven den zwölfjährigen Pianisten nach einem Konzert auf die Stirn geküsst haben, um den aufstrebenden Stern am Musikhimmel zu weihen.
 
Schon 1823 reiste die Familie Liszt nach Paris, wo das junge Ausnahmetalent am Konservatorium studieren sollte. Doch trotz eines Empfehlungsschreibens des Fürsten Metternich lehnte Direktor Luigi Cherubini seine Aufnahme ab, da das Konservatorium nur Franzosen offen stand. Die Enttäuschung war groß.
 
Doch die Türen der adeligen Salons und Konzertsälen Paris standen dem Pianisten offen. Bald schon wurde Franz Liszt ein gefeierter Klaviervirtuose, der als „Le petit Litz“ Triumphe feierte. Der italienische Komponist Fernando Paer und der Tscheche Antonin Reicha unterrichteten das Wunderkind weiterhin in Komposition. In dieser Zeit entstand Liszts einzige Oper „Don Sanche“.
Die Konzerte führten Vater und Sohn 1824 und 1825 auch nach London und Windsor Castle. Die nächsten Jahre waren von zahlreichen Klavierkonzerten und Auftritten ausgefüllt.
 
Die erste Krise erlitt Liszt nach dem plötzlichen Tod seines Vaters im französischen Boulogne-sur-Mer. Der 15-jährige Künstler kehrte verstört nach Paris zurück, bezog mit seiner Mutter eine kleine Wohnung, zog sich aber für fast zwei Jahre aus der Konzertwelt zurück. Um den Lebensunterhalt zu bestreiten, gab er Klavierunterricht.
 
Dabei lernte er seine erste Liebe, Caroline de Saint-Criq kennen. Doch ihr Vater, der Innenminister Frankreichs, untersagte die Beziehung wegen allzu großer Standesunterschiede. Der 17-Jährige wurde immer depressiver und zog sich in die Lektüre religiöser und philosophischer Schriften zurück – auch um seine mangelnde Allgmeinbildung zu verbessern. Zudem knüpfte er Kontakte mit den Literaten seiner Zeit, unter anderem Victor Hugo, Honorè de Balzac, Heinrich Heine, Alexandre Dumas und George Sand. Schon damals zog er in Erwägung Priester zu werden, schrieb ein Essay „Über die Zukunft der Kirchenmusik“, entwickelte aber gleichzeitig ein reges Liebesleben.
1831 hörte er ein Konzert des Geigenvirtuosen Niccoló Paganini, das tiefe Spuren hinterließ, und ihn nicht nur zu den Paganini-Etüden, sondern auch zu seinem extrovertierten, impulsiven, leidenschaftlichen Spiel inspirierte.
 
1836 nahm er seine Konzerttätigkeit wieder auf und setzte neue Maßstäbe in der Gattung des Klavierkonzertes. Paris ermöglichte ihm zudem die Bekanntschaften mit Frédéric Chopin, Niccoló Paganini, Gioachino Rossini, Vincenzo Bellini, Hector Berlioz und Felix Mendelssohn Bartholdy. Die frühen – teils verschollenen - Kompositionen sind in dieser Periode entstanden.
 

Mit Marie d’Argoult in der Schweiz und Italien

In Paris lernte er auch die sechs Jahre ältere Gräfin Marie d’Argoult kenne, die bereits verheiratet war und zwei Kinder in einer unglücklichen Ehe hatte. Die beiden begannen eine Liebesbeziehung, 1835 wurde die Gräfin schwanger, verließ ihren Mann und ließ sich mit Liszt in Genf nieder. Am 18. Dezember wurde die erste gemeinsame Tochter Blandine geboren. Das Leben Liszts wurde etwas ruhiger, doch schon 1837 übersiedelte die Familie an den Comer See, wo am 24. Dezember Tochter Cosima (die später Richard Wagner heiraten wird) auf die Welt kam. Doch den rastlosen Künstler zog es bald wieder zu Konzerten in ganz Europa. Marie d’Argoult, die selbst Schriftstellerin war, litt unter den Trennungen und unter Liszts Frauengeschichten und Affären, trennte sich nach der Geburt des dritten Kindes, Daniel, 1839 von Liszt und kehrte nach Frankreich zurück. In den nächsten Jahren versöhnten sich die beiden immer wieder, fanden aber keinen gemeinsamen Lebensmittelpunkt mehr.
 
Musikalisch bedeuteten diese Jahre eine rasante Weiterentwicklung, vor allem im Bereich der Komposition.
 

Lisztomanie – die großen Konzertourneen

Nach der Trennung stürzte er sich wieder in seine Virtuosentätigkeit. Liszt reiste nach Wien, Pressburg und Pest. In Ungarn wurde er wie ein Nationalheld begrüßt und hofiert. Ungarische Aristokraten überreichten ihm einen Ehrensäbel.
 
Zwischen 1838 und 1848  bereiste Liszt ganz Europa, sein Leben und seine Karriere waren von zahlreichen Höhen und Tiefen gekennzeichnet, triumphalen Erfolgen und bitterer Kritik, Affären mit Frauen, Erschöpfungszuständen und Begeisterungstürmen. Heinrich Heine prägte in dieser Phase bezugnehmend auf die Berliner Konzerte und die Euphorie, die er hier auslöste, den Begriff der Lisztomanie. Große Erfolge feierte er ab 1840 in Prag, Dresden und Leipzig, in Hamburg und Belgien, in Weimar, Berlin, St. Petersburg und in vielen anderen Städten. Seine Konzerte wurden zur Legende, wo er auch hinkam, war vor allem das weibliche Publikum begeistert, er wurde ein Frauenschwarm, ein Superstar.
 
Erstmals ließ Liszt Konzertsäle nicht mehr bestuhlen, er verkaufte Fanartikel und es kam zu hysterischen Szenen. Liszt perfektionierte seinen Bühnenauftritt. Schon immer charismatisch, setzte er nun die gesamte Ausdruckspalette des Körpers ein: Hände und Gesicht, Haare und Gestik.
 
Auch von gesellschaftlicher Seite wurde ihm Ehre zuteil. In Berlin wurde er zum Mitglied der Königlichen Preußischen Akademie der Künste ernannt, in Königsberg wurde er Ehrendoktor der Universität, und in Weimar wurde er zum „Großherzoglichen Kapellmeister in außerordentlichen Diensten“ ernannt.
 

Hofkapellmeister in Weimar

1848 beendete Liszt seine Virtuosenlaufbahn und trat eine Stellung als Kapellmeister in Weimar an. 
Auch eine neue Frau prägte sein Leben, die russische Fürstin Carolyne Sayn-Wittgenstein, eine gebildete, intellektuelle Frau, die den Künstler Liszt förderte und ihm ebenbürtig war.  Auch Carolyne war verheiratet, die beiden gaben sich aber in einer feierlichen Zeremonie ein Ehe-Versprechen, Liszt wurde Carolynes „Seeleneigner“.
Liszt erlebte in Weimar eine ruhigere Lebensphase und widmete sich verstärkt der Komposition. Hier entstanden 12 seiner 13 symphonischen Dichtungen, fünfzehn „Ungarische Rhapsodien“, der Zyklus „Harmonies poétiques et religieuses“, Klavierkonzerte, Orchesterwerke, Sinfonien nach Goethes Faust und Dantes Göttlicher Komödie, Märsche, Lieder und Melodramen, aber auch die ersten geistlichen Werke wie die Missa solemnis.
 
Zugleich begann er seine Karriere als Dirigent in Weimar. Während seiner Amtszeit dirigierte er 43 Opern, unter anderem Werke von Mozart, Beethoven, Wagner, Weber, Schumann und Verdi. Höhepunkte waren auch die Uraufführungen von Liszts Klavierkonzerten.
Mit Richard Wagner verband ihn eine enge Freundschaft, die allerdings abkühlte, nachdem Wagner  - gegen seinen Wunsch - mit seiner Tochter Cosima liiert war und sie ehelichte.
 

Rom – der Abbé Liszt

1858 bat er um seine Entlassung aus dem Dienst als Kapellmeister und zog nach Rom, wo seine Lebensgefährtin schon seit einem Jahr lebte. Rom bedeutete einen erneuten Wendepunkt in Liszts Leben. Carolyne hoffte vergeblich auf eine Scheidung von ihrem Ehemann, die ihr von der Kirche verweigert wurde. Dass die geplante Hochzeit vereitelt wurde, entzweite das Paar. Carolyne flüchtete sich in den Glauben und ein Theologiestudium, und auch Franz Liszt empfing die sogenannten Niederen Weihen im Alter von über fünfzig Jahren.
 
Von nun an trat er im schwarzen Abbé-Gewand auf. Liszts Mutter berichtete, dass er schon im kindlichen Alter intensive, mystische religiöse Erfahrungen gemacht hatte, die zu einem lebenslangen Interesse am Glauben geführt haben.
In Rom entstand Liszts kirchenmusikalisches Vermächtnis. Die ungarische Krönungsmesse schrieb er 1867 anlässlich der Krönung Kaiser Franz Josephs zum König von Ungarn.
Auch als Abbé blieb Liszt ein ruheloser Geist. Er hielt sich in Rom, Budapest und Weimar auf und reiste von dort aus zu seinen Konzerten und Aufführungen.
 
Ab 1872 war er regelmäßig bei Wagner und seiner Tochter Cosima zu Gast – obwohl das Verhältnis nach wie vor schwierig war. 1886 reiste er wieder nach Bayreuth, wo Cosima die Bayreuther Festspiele leitete. Am 31. Juli 1886 starb er schwer krank. Franz Liszt wurde auf dem Bayreuther Stadtfriedhof begraben, Anton Bruckner spielte auf der Orgel Motive aus „Parsifal“.
 
Der Pianist, Komponist und Dirigent Franz Liszt hinterließ der Welt über 800 Werke. Sein impulsives Spiel prägte einen völlig neuen Stil in der Klaviermusik, seine Phantasie, Improvisationsgabe und die Fähigkeit, alle musikalischen und kulturellen Einflüsse in seine Musik einfließen zu lassen, gepaart mit Liszts außergewöhnlich charismatischer Persönlichkeit machen ihn zu einer Ausnahmeerscheinung.